Astrologie & Selbsterkenntnis

Wird der Aszendent mit dem Alter stärker als die Sonne?

Warum wir unsere eigene Anlage manchmal erst spät erkennen und wie sie unsere Verwirklichung beeinflusst.

Abstrakte Landschaft am Horizont mit goldenem Sonnenaufgang, Kreisbögen und Mondphasen

Manchmal schauen wir auf unser Leben zurück und merken, dass wir heute ganz anders mit bestimmten Situationen umgehen als früher. Wir treffen Entscheidungen, die wir uns vor einigen Jahren vielleicht noch nicht zugetraut hätten. Wir stehen mehr zu unserer Meinung, gehen unseren eigenen Weg und zeigen Seiten von uns, die lange wenig Platz hatten.

Vielleicht fragst du dich dann, ob das mit deinem Aszendenten zu tun hat. Wird er mit zunehmendem Alter wichtiger? Entwickeln wir uns im Laufe des Lebens immer mehr zu unserem Aszendenten, während die Sonne in den Hintergrund tritt?

Ich würde die Frage etwas anders stellen. Denn der Aszendent wird nicht erst im Laufe unseres Lebens wirksam. Die Anlage, die er beschreibt, ist von Anfang an vorhanden. Aber wir erkennen nicht immer sofort, was in uns steckt. Manches entdecken wir erst durch unsere Erfahrungen, durch Begegnungen oder weil sich unsere Lebensumstände verändern.

So kann es sich anfühlen, als würde der Aszendent mit den Jahren stärker werden. Vielleicht nehmen wir ihn aber einfach bewusster wahr und beginnen, ihm mehr Raum zu geben.

Was bedeutet das für unsere Verwirklichung?

Wenn wir unsere Fähigkeiten anders einsetzen

Stell dir eine Frau vor, die beruflich erfolgreich ist. Sie ist fachlich kompetent, erledigt ihre Aufgaben zuverlässig und wird von anderen geschätzt. Von außen betrachtet scheint alles gut zu laufen. Trotzdem spürt sie, dass sie noch nicht ganz das lebt, was eigentlich in ihr steckt.

Sie hat eigene Gedanken und Ideen, hält sich damit aber eher zurück. Sie orientiert sich an bestehenden Vorgaben und setzt ihre Fähigkeiten vor allem dafür ein, die Erwartungen anderer zu erfüllen.

Mit der Zeit beginnt sich etwas zu verändern. Sie traut sich, ihre Meinung auszusprechen, trifft eigene Entscheidungen und bringt ihre Fähigkeiten auf eine Weise ein, die mehr ihr selbst entspricht.

Sie kann nicht plötzlich mehr als früher. Aber sie geht anders mit dem um, was sie mitbringt. Sie nutzt ihre Fähigkeiten selbstbestimmter und entdeckt dadurch neue Möglichkeiten.

Genau hier wird der Zusammenhang zwischen Aszendent und Sonne interessant.

Ein Beispiel: Aszendent Zwilling, Merkur im zehnten Haus, Sonne im Skorpion im sechsten Haus

Schauen wir uns dazu ein fiktives Horoskop an: Die Frau hat den Aszendenten Zwilling, Merkur als Herrscher des Aszendenten steht im zehnten Haus. Ihre Sonne befindet sich im Skorpion im sechsten Haus.

Der Aszendent Zwilling verweist auf eine Anlage, die mit Neugier, Wahrnehmung und Kommunikation verbunden ist. Diese Frau interessiert sich für unterschiedliche Themen, stellt Fragen und möchte verstehen, wie Dinge zusammenhängen. Sie kann Informationen aufnehmen, ordnen und weitergeben.

Mit Merkur im zehnten Haus kommt die Frage hinzu, wie sie diese Fähigkeiten nach außen bringt. Vielleicht geht es darum, mit ihrem Wissen sichtbar zu werden, eine eigene fachliche Position einzunehmen oder beruflich etwas zu gestalten, das ihre Handschrift trägt.

Ihre Sonne im Skorpion im sechsten Haus bringt eine andere Seite ins Spiel. Hier geht es darum, genauer hinzuschauen, Hintergründe zu verstehen und sich intensiv mit einer Aufgabe auseinanderzusetzen. Vielleicht arbeitet diese Frau im Gesundheitsbereich oder in der Beratung. Sie möchte nicht einfach Informationen weitergeben. Sie will Zusammenhänge erkennen und mit ihrer Arbeit etwas bewirken.

Stell dir vor, sie ist in ihrem Beruf sehr gewissenhaft. Sie unterstützt andere, gibt ihr Wissen weiter und erledigt ihre Aufgaben mit großer Sorgfalt. Doch wenn es darum geht, eigene Ideen einzubringen oder ihre fachliche Meinung zu vertreten, bleibt sie lieber im Hintergrund. Sie hält sich an das, was vorgegeben ist, obwohl sie selbst längst einiges zu sagen hätte.

Irgendwann beginnt sie, sich mehr zuzutrauen. Sie hält Vorträge, vertritt ihre fachliche Sichtweise oder entwickelt ein eigenes Angebot. Sie gibt nicht mehr nur Wissen weiter, sondern bringt auch ihre eigenen Erkenntnisse ein.

Dabei muss sie ihre bisherige Art zu arbeiten nicht hinter sich lassen. Im Gegenteil: Ihre Fähigkeit, Fragen zu stellen und Informationen verständlich zu vermitteln, verbindet sich mit ihrer Bereitschaft, tiefer zu gehen und Dinge gründlich zu durchdringen.

Sie kann dadurch eine eigene fachliche Position entwickeln, in der beides Platz hat: die Beweglichkeit des Zwillings und die Tiefe des Skorpions.

Natürlich lässt sich aus diesen drei Horoskopfaktoren allein nicht der berufliche Weg eines Menschen ableiten. Das Beispiel soll zeigen, wie unterschiedliche Anlagen zusammenspielen und sich im Leben auf verschiedene Weise ausdrücken können.

Der Aszendent wird nicht erst im Alter wirksam

In der Münchner Rhythmenlehre betrachte ich den Aszendenten als Anlage, von der aus sich etwas entwickeln und verwirklichen kann. Die Sonne steht in diesem Zusammenhang für die Verwirklichung.

Das bedeutet für mich nicht, dass zuerst der Aszendent und später die Sonne an der Reihe ist. Vielmehr stellt sich die Frage, wie wir unsere Anlage leben und was wir daraus machen.

Vielleicht hat die Frau aus unserem Beispiel ihre kommunikativen Fähigkeiten schon früh eingesetzt. Sie hat zugehört, Informationen gesammelt und andere unterstützt. Erst später erkennt sie, dass sie damit auch selbst stärker nach außen treten und eine eigene Position einnehmen kann.

Ihre Anlage war also nicht plötzlich neu da. Sie hat nur einen anderen Umgang damit gefunden. Dadurch entstehen Möglichkeiten, die vorher vielleicht nicht sichtbar waren oder für die sie sich noch nicht bereit fühlte.

So kann der Aszendent im Laufe des Lebens stärker in unser Bewusstsein rücken. Das bedeutet aber nicht, dass er grundsätzlich wichtiger wird als die Sonne oder diese an Bedeutung verliert.

Was wir aus unserer Anlage machen

Vielleicht ist es gar nicht entscheidend, welcher Faktor im Horoskop mit zunehmendem Alter stärker wird. Interessanter finde ich die Frage, ob wir mit der Zeit besser erkennen, was uns mitgegeben ist und wie wir es in unserem Leben verwirklichen können.

Manchmal braucht es Erfahrungen, bis wir uns bestimmte Seiten erlauben. Manchmal müssen wir uns erst aus Erwartungen lösen oder merken, dass ein Weg, der lange funktioniert hat, nicht mehr ganz zu uns passt.

Wenn wir unsere Anlage bewusster wahrnehmen, können wir andere Entscheidungen treffen. Wir entdecken neue Möglichkeiten, unsere Fähigkeiten einzusetzen, und finden vielleicht eine Form der Verwirklichung, die uns mehr entspricht.

Vielleicht geht es also nicht darum, dass der Aszendent mit dem Alter stärker wird. Vielleicht geht es darum, dass wir uns selbst besser kennenlernen und zunehmend den Mut finden, das zu leben, was in uns angelegt ist.